Die letzten Tage

von Franziska Lichtenstein

Wie gehen Museen und Archive mit Krisen um, in denen zentrale Aufgaben wie das „Bewahren“ und „Vermitteln“ wegfallen – zum Beispiel wegen der drohenden Apokalypse? Welche Chancen bietet das Chaos für eine Museumsmitarbeiterin, die zugleich Forschungsagentin ist? Als Teil einer Serie von literarischen Gedankenexperimenten widmet sich der nachfolgende Beitrag dem Versuch, über institutionelle Praxis und nicht zuletzt über unsere Rolle als Forschende darin nachzudenken. Fiktion wird hier zum Möglichkeits- und Reflexionsraum. Klare Antworten gibt es keine, dafür geht es um Mumien, Wikinger, perfide Einbrüche und, nicht zu vergessen: den (drohenden) Weltuntergang. Oder zumindest den Coronavirus-Lockdown. Neugierig?

Was währenddessen in einem polnischen Museum passiert, erfahrt Ihr übrigens hier

Foto: Franziska Lichtenstein

Die letzten Tage

„All the unhappiness of man stems from one thing only: that he is incapable of staying quietly in his room.“

Blaise Pascal – Paul Auster. F.

„Also geht die Welt unter?“, fragte F. sicherheitshalber nochmal nach und schaltete den Wasserkocher ein. Sie brauchte eine Pause, nachdem sie sich die letzten Stunden mit Datenbankeinträgen beschäftigt hatte. „Heißgetränke nur in der Küche!“, ermahnte ein kleines Schild an der Wand direkt darüber. Die Antwort, die sie bekam, ging im nun einsetzenden Brausen und Rauschen überwiegend unter, während sie im Hängeschrank vorsichtig nach ihrer Lieblingstasse (keramik-weiß mit der minutiösen Skizze einer Skeletthand) angelte. Das schmale, aber hohe Gefäß ohne Henkel erweckte den Anschein, als würde besonders viel hineinpassen, obwohl das wahrscheinlich gar nicht stimmte. F. drehte sich um und stellte fest, dass der Kurator die Küche schon wieder verlassen hatte – was sie achselzuckend zur Kenntnis nahm, während sie einen Beutel biologischen Hagebuttentee mit sprudelnd kochendem Wasser aufgoss.
Es war die dritte Woche, die sie im Sammlungsdepot verbrachte. Zusammen mit allen Kolleginnen und Kollegen, die das Pech gehabt hatten, sich gerade im Gebäude aufzuhalten, als die dramatischen Neuigkeiten alle Kanäle zu fluten begannen: ein tödliches Virus breitete sich mit rasanter Geschwindigkeit über die Weltoberfläche aus, weshalb landesweit spontan dazu aufgerufen wurde, um keinen Preis mehr einen Fuß vor die Tür zu setzen. Nicht, dass die Versuchung besonders groß gewesen wäre. Es regnete seit Tagen und das Gelände rings um die Universität war schlichtweg überflutet. Die kleine Birke, die vom Fenster aus sichtbar war, verschwand schon bis zur ersten Astgabelung in trübem Braun-Grau. Noch gab es allerdings Strom und Internet, sowie wöchentlich eine gemischte Kiste Obst, die der Kurator zentral über das Bürobedarfsportal der Universität bestellte. Die Mitarbeitendenküche hatte sogar eine Waschmaschine, deren Sinn sich bis vor wenigen Wochen niemandem erschlossen hatte.

Vorschriftsgemäß ließ F. ihren heißen Tee auf der Anrichte stehen und ging zurück Richtung Schreibtisch. Das Depot befand sich im ersten Stock des Gebäudes, was konkret bedeutete, dass das Wasser noch knapp zwei Meter steigen konnte, bis man anfangen müsste, sich Sorgen zu machen. So lange sich die Situation nicht zum Besseren – oder dramatisch zum Schlechteren – änderte, gab es keinen Grund, warum die Arbeit nicht weitergehen sollte wie bisher. Im Flur stand ein dunkler Sarkophag auf zwei Rollbrettern, als etwas makabrer Mittelpunkt eines provisorischen Ensembles aus Scheinwerfern und einer hochwertigen Kamera, die an einen Laptop etwas abseits angeschlossen war. Der Kurator drückte gerade auf den Auslöser und vergrößerte das Bild, das sich auf dem Desktop aufbaute. „Schau mal hier -“, sagte er. F. trat einen Schritt näher und wünschte sich, ihre Teetasse in der Hand zu haben, einfach, um etwas in der Hand zu halten. Das Bild zeigte zwei Holzlatten, die digital einen leichten lila-Stich aufwiesen, und in einer in Faserrichtung verlaufenden Spalte eine zerknautschte textile Substanz. „Das müssen Reste von den Bandagen sein“, erklärte der Kurator. „Die sind wahrscheinlich hängengeblieben, als sie die Mumie hier rausgenommen haben.“ „Sie“, wusste F., war in diesem Fall sehr allgemein die Inhaberschaft einiger mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit mittel- bis nordeuropäisch-hellhäutiger Handpaare, durch die die Objekte der ägyptischen Sammlung in den letzten gut hundert Jahren gewandert waren. Nun hatten sie hier ihre provisorische Ruhestätte gefunden – wenn man ihren Status als Sammlungsobjekt, den gegenwärtig rollbaren Aufenthaltsort auf dem Gang des Museums inklusive, als solche bezeichnen mochte. Irgendwo unterdessen musste jedenfalls auch besagte Mumie abgezweigt sein, denn von ihr fehlte jede Spur. F. änderte eine Kleinigkeit an der Belichtung, und der Kurator machte noch ein Foto. Das Innere des Sarkophags war von einem tiefen Schwarz und erschien ein wenig dramatisch, wenn man den Fehler machte, das sanftere Farbspektrum der nordeuropäischen prähistorischen Sammlung vor Augen zu haben. „Brauchst du mich noch?“, fragte F. „Sonst würde ich mal drüben weitermachen.“ Von draußen ließ sich ein leises Donnergrollen vernehmen, als wäre alles nicht schon schlimm genug.

Zukünftige ArchäologInnen

Es war kurz vor Zwölf, und ein Stromausfall hatte die kleine Gruppe dazu veranlasst, sich zu einer vorgezogenen Mittagspause in der Mitarbeitendenküche zu versammeln. Man hörte das Prasseln von Hagel, den der Wind in heftigen Böen von außen gegen die Fensterscheibe drückte, wenn es nicht gerade heftig blitzte oder donnerte. F. beobachtete, wie einer der PraktikantInnen die Packung mit den Weintrauben aus der Obstration öffnete, und entschied sich unvermittelt, alle Anwesenden in ein Zukunftsszenario zu versetzen:
„Überlegt mal, wenn sie uns hier finden?“ Sie deutete in einer weitschweifigen Bewegung in die Runde und schloss damit sowohl ihre Kolleginnen und Kollegen in der Küche als auch die einzelnen Räume des Depots mit ein. „Ein paar Tote im jungen bis mittleren Erwachsenenalter, umgeben von einem Haufen dubioser Gegenstände, die von weit her importiert sein müssen. Tierknochen in auffallend uniformen Holzkästen, Weintrauben, Äpfel und Bananen, die zum Todeszeitpunkt der Verstorbenen noch frisch gewesen sein müssen…“
„Dein Optimismus ist mal wieder bemerkenswert“, grummelte der Kurator. Man konnte ihm seine schlechte Laune nicht verdenken. Bei einem Abstecher in den Keller hatte er heute Morgen feststellen müssen, dass Wasser ins Archiv eingedrungen war. Die von vornherein schon unleserliche Grabungsdokumentation für Bootsgrab Nr. 14 lag zum Trocknen auf dem Fensterbrett. „Ich meine ja nur“, sagte F. „wenn irgendwas sich wirklich nur im Kontext unserer Zeit erschließt, dann ist das doch wohl die Institution ‚Museum‘. Wenn sie uns hier finden, werden sie genauso darüber mutmaßen müssen, was hier eigentlich Sache war, wie Sune Lindqvist, seine Kollegin und seine Kollegen, als sie die fünfzehn Valsgärde-Bootsgräber ausgegraben haben.“
„Plus, dass sie dann ja auch die Objekte finden, die Sune Lindqvist und seine KollegInnen in Valsgärde ausgegraben haben – nur halt eben hier“, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu, ohne, dass irgendjemand davon sonderlich profitiert hätte. Vor ihrem inneren Auge manifestierte sich ein futuristisch bekleidetes Rettungsteam, das eines Tages die Tür zum Metall-Raum öffnen und dort die skelettierten sterblichen Überreste des Kurators vorfinden würde – alle vier Valsgärde-Helme in einer schützenden Umarmung umschließend. Zumindest diesen Gedanken behielt sie für sich. „Ich denke, wenn überhaupt, müsste man hier nach Kontexten fragen.“, meinte der Kurator. „Zwischen den frühesten und den letzten Bootsgräbern liegen immerhin fast 500 Jahre. Und durch die Grabsituationen zieht sich zwar irgendwie ein roter Faden –“
„Zum Beispiel, dass die Toten fehlen“, unterbrach der Praktikant mit den Weintrauben, während draußen ein Blitz die dunkle Wolkenwand teilte und den Tisch sowie die Gesichter drum herum für einen Augenblick in fahles Licht tauchte.
„Zum Beispiel, dass überall die Toten fehlen“, bestätigte der Kurator. „Aber die Prunkausstattung der vendelzeitlichen Gräber wird später wesentlich sparsamer, und dafür funktionaler.“ „Offiziell müsste das für die Institution ‚Museum‘ aber auch gelten: Kontexte, im Plural“, meinte F. „Offiziell machen wir nicht mehr dasselbe wie Achtzehnhundertirgendwas.“
„Was genau machen wir denn offiziell“?, fragte der Praktikant.
„Das ist ja das Problem“, meinte F. „das weiß im Moment niemand so genau. Beziehungsweise: die Leute, die sich damit beschäftigen, können sich nicht entscheiden.“ Sie zuckte die Achseln. „Sonst hätten wir eine Handreichung für zukünftige ArchäologInnen vorbereiten können. So müssen wir uns damit abfinden, dass wir wahrscheinlich kultisch gedeutet werden.“
„Wir verwalten und vermitteln Kulturerbe“, erklärte der Kurator.
„Und bewahren es für künftige Generationen?“, fragte F., nicht ohne eine Spur von Boshaftigkeit. „Das dürfte sich zumindest erledigt haben.“
Alle sahen aus dem Fenster.

„Wir hatten mal große Erwartungen an dich“, sagte der Kurator. „Das ist ja wohl nicht meine Schuld“, sagte F.

Wann alles begonnen hatte, schiefzugehen, ließ sich rückblickend nicht mehr genau sagen. Der Tag hatte eigentlich gut angefangen, fand F. Sie war frühmorgens aufgestanden und hatte einen Spaziergang ins Erdgeschoss unternommen – ohne Schuhe und mit hochgekrempelten Hosenbeinen. Durch das Fenster war einige Augenblicke lang ein kleines Viereck von Morgensonne auf die trübe Wasserfläche gefallen, die in winzigen Wellen an den Stufen zum ersten Stock hinaufschwappte. Mittendrin trieb, übriggeblieben von den nun zwangsweise ruhenden Renovierungsarbeiten am Gebäude, gemächlich ein etwa 70 Zentimeter langes Stück Plastikschlauch. F. war seit Tagen nicht mehr so enthusiastisch gewesen.

Nun, kaum zwei Stunden später, stand der Kurator vor ihr und rastete völlig aus. „Du bist gefeuert!“ Auch der Sturm hatte wieder an Fahrt aufgenommen. Die PraktikantInnen saßen an einem Tisch am Fenster und hatten eine Partie Hnefatafl mit den Spielsteinen aus Bootsgrab 8 am Laufen, die im Moment allerdings ruhte. Alle Aufmerksamkeit war mehr oder weniger offensichtlich auf die sich entfaltende Auseinandersetzung hinten im Depot gerichtet.
„Schön!“, brüllte F. zurück. „Es ist ja nicht so, als ob du mich rausschmeißen könntest – wörtlich gesehen, meine ich. Hast du mal nach draußen geschaut?“ Zumindest pokerte sie, dass er nun doch nicht so wütend sein würde. Es war doch nur ein wenig Apfelwein.
„Es ist doch nur ein wenig Apfelwein“, meinte sie, wie sie hoffte beschwichtigend.
„Es ist eine 4.000 JAHRE ALTE KARAFFE! 4.000 JAHRE ALT!“
„Ich habe ein großes Gefäß für meinen Gärbehälter gebraucht. Glücklicherweise haben wir knapp 60 Regalmeter voll mit großen Gefäßen. Und ob es dir gefällt oder nicht: das hier ist eine Weinkaraffe. FÜR WEIN!“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, um ihr Argument zu unterstreichen. Zu ihren Füßen stand ein nicht einmal besonders hübsches bröseliges Terrakotta-Gefäß, das sie mit leichten Modifikationen wieder seiner vermuteten ursprünglichen Funktion gewidmet hatte.
„Ich weiß nicht mal, ob wir davon schon Bilder in der Datenbank hatten.“
„Na und? Ist doch egal. Für wen denn auch? Es gibt niemanden mehr nach uns, wir sind das Ende der Fahnenstange! Slutt! Finito! Als deine Kinder auf die Welt gekommen sind und die Medien angefangen haben, von „Generation Z“ zu sprechen, hättest du merken können, dass was im Busch ist.“ Wenn F. ihn damit hatte beschwichtigen wollen, war sie wenig überraschend gescheitert.
„Wir hatten mal große Erwartungen an dich, weißt du“, sagte der Kurator.
„Das ist ja wohl nicht meine Schuld“, sagte F.
Es klingelte zum Glück an der Tür.

F., der Kurator und die beiden Praktikanten schlängelten sich am Sarkophag vorbei, der noch immer etwas ungünstig im Flur stand, und machten sich ohne ein weiteres Wort auf den Weg zum Eingang. Draußen stand der Obstlieferant, blutüberströmt, das Gesicht hinter einer Gasmaske verborgen und mit einem halbautomatischen Schnellfeuergewehr über der Schulter. Jeder Atemzug schien eine Qual.
„Da draußen ist die Hölle los“, verkündete er mit brechender Stimme das Offensichtliche. Der Kurator löste vorsichtig die zitternden Finger des Manns von den Griffen der Obstkiste und trat dann rasch einen Schritt zurück, als dieser ohne weitere Ankündigung der Länge nach zu Boden stürzte – als wären diese sechs Kilogramm Äpfel, Bananen und Weintrauben alles gewesen, was ihn noch aufrecht gehalten hatte. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss.
„Fy faen“, sagte F. und meinte jedes Wort.

ragnarǫk, n. pl.

Es war Abend geworden, und die Mitarbeitenden, die auf dem einen oder anderen Weg alle wieder an einem der Schreibtische im Depot gestrandet waren, hatten schon vor Stunden jede Energie verloren. Die Praktikantin kam um die Ecke und winkte mit einem Artikel in Richtung von niemand bestimmtem. „Ich habe rausgefunden, zu wem unser Sarkophag gehört“, sagte sie. Der Stapel ausgedruckter und zusammengehefteter bebilderter Seiten in ihrer Hand kam allen vage bekannt vor, obwohl niemand genau wusste, woher – bis der Kurator schließlich sagte: „Hatte den nicht die Ägyptologin für uns ausgedruckt, bevor sie Urlaub hatte?“ Er nahm den Artikel entgegen und blätterte ihn durch. „Wahnsinn! Die Grabausstattung ist über drei Museen in den Staaten und zwei in Großbritannien verteilt!“
„Und eins in Australien“, bestätigte die Praktikantin, die den Artikel gelesen hatte. „Und das sind nur die Teile, die irgendwie dokumentiert sind. Tatsächlich hat sich der Antiquitätenhandel in eine jahrhundertealte Tradition von Grabplünderungen eingereiht. Ein Stück von seinem Buch der Toten ist sogar in Stockholm“, fügte sie hinzu und zeigte auf die entsprechende Stelle im Artikel. „Nicht zu fassen“, sagte F. ein wenig ungläubig. „Das ist ja um die Ecke.“

Alle schauten in Richtung Sarkophag – zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Stunden und nicht ohne Unbehagen. Man hatte zu einer Entscheidung kommen müssen, wie mit dem verstorbenen Obstlieferanten zu verfahren sei, der in der Konsequenz nun – gebettet in die Ausstellungsreplik eines Grabboots in Zweidrittelgröße – durch das überflutete Erdgeschoss trieb. Absurderweise hatte sich diese Lösung unter den gegebenen Umständen als die vernünftigste herauskristallisiert, was schon einiges über die Gesamtsituation aussagte. Immerhin befand sich das Problem nun jenseits einer geschlossenen Tür. Optionen waren allerdings erwogen worden.
„Dann hätte man den Sarkophag und das Papyrusfragment ja die ganze Zeit schon wieder zusammenbringen können – wie sie mal gedacht waren“, stellte F. fest. „Das wäre vielleicht ein Anfang gewesen.“
„Ja, theoretisch“, bestätigte der Kurator.
Niemand sagte etwas. Die etwas zu tiefroten Strahlen der Abendsonne ließen die blassen gelben Zeichnungen auf der harzgeschwärzten Holzoberfläche hervortreten, und ein tiefes, ungleichmäßiges Brausen und Rauschen von außerhalb füllte die entstehende Stille. Es dauerte einen Augenblick bis alle begriffen, dass draußen, nur einige Häuserblocks und einen überfluteten Park entfernt, die Domkirche in Flammen stand.
„Götterdämmerung“, flüsterte der Kurator nach einer ganzen Weile mit einer an sich unmöglichen Mischung aus Staunen, Pathos und Hoffnungslosigkeit.
„Eigentlich ist „Dämmerung“ eine Fehllesung, die durch Wagner popularisiert wurde“, antwortete F. nach kurzem Zögern, weil sie es nicht bleiben lassen konnte, aber wahrscheinlich war es gut, dass jemand etwas sagte. „Eigentlich ist es nicht rökkr, sondern rǫk. Schicksal. Das „Schicksal der Großen“.“

Diesmal dauerte das Schweigen länger. Der schwarze Rauch am Himmel ging mehr und mehr in der hereinbrechenden Dunkelheit auf. „Übrigens hab‘ ich die Datenbank für Bootsgrab 13 gerade offen“, sagte F. schließlich und zeigte auf eine Schublade mit einzelverpackten Knochen auf dem Schreibtisch vor ihr, die eine kleine, handgeschriebene Notiz der Osteologin als „ungnöt“ klassifizierte. „Fällt dir dafür eine gute Übersetzung ein? Meine erste Idee war: „Kalb“. Dann habe ich mich allerdings gefragt, warum die Osteologin in dem Fall nicht „kalv“ geschrieben hat – ich meine, das Wort gibt es ja auch. Schreibe ich dann eher sowas wie „junge Kuh?“
„Gute Frage“, meinte der Kurator nach einer kurzen Pause. „Ich ruf‘ sie mal an.“ Er zückte sein Telefon, während sich die kleine Gruppe wieder um den Tisch versammelte.
„Ja. Ja, gut. Das ergibt Sinn. – Es hängt wohl mit dem Alter zusammen“, erklärte er, wieder in den Raum gewandt. „Für ein Kalb ist die Kuh zu alt, aber ausgewachsen ist sie eben noch nicht.“
„Also bleiben wir bei „junge Kuh“?“, fragte F.
Der Kopf des Linguisten erschien neben dem Regal, hinter dem er arbeitete. „Aber weiß man denn, ob es eine „Kuh“ ist? Also ein weibliches Tier?“
„Wissen wir, ob sie weiblich ist?“, fragte der Kurator ins Telefon und schüttelte einen Augenblick später den Kopf.
bos taurus wäre neutral, das ist der neutrale Name für die Spezies“, schlug der Linguist vor.
„Bos was?“, fragte F.
„Oder: „Horntier““, schlug der Kurator vor.
„“junges Horntier““, ergänzte der Linguist.
„Also schreibe ich jetzt „junges Horntier“?“, fragte F. Ein gedämpftes Krachen und Rumpeln ertönte von draußen.
Der Kurator und der Linguist zuckten kurz zusammen und nickten dann.
„Gut“, meinte F. „Dann sind wir uns einig.“

Disclaimer: alle Ähnlichkeiten mit realen Personen und Sammlungsobjekten sind rein zufällig.

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Franziska Lichtenstein ist Doktorandin am Kolleg “Wissen | Ausstellen” und erforscht die Konzeption und Rückwirkung des Mythos „Wikinger“ auf die museale Ausstellungspraxis.

Der Beitrag wurde redaktionell betreut von Lisa Ludwig, Doktorandin am Kolleg „Wissen | Ausstellen“.

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