Über das Eintauchen einer Kunstwissenschaftlerin in die first sights, second und third thoughts der Restaurierung und Kunsttechnologie

Ein Beitrag von Verena Wallner

In Terry Pratchetts Romanreihe um die junge Nachwuchshexe Tiffany Aching wird die Methode der first sightssecond thoughts und third thoughts vorgestellt. Es handelt sich dabei um eine Vorgehensweise, die von der visuellen Wahrnehmung ausgeht und daraufhin weiterführende Gedanken und Fragestellungen auf mehreren Ebenen durchleuchtet, um eine Aufgabe erfolgreich zu bewältigen. Obgleich diese Methode eine gänzlich andere Rolle im Kontext der Romane spielt, lässt sie sich gut auf meine kürzlich gesammelte Erfahrung als Kunstwissenschaftlerin in der Abteilung für Kunsttechnologie und Restaurierung am Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud in Köln übertragen.

Ein Arbeitsplatz in der Restaurierungswerkstatt – zwischen Originalen, Mikroskopen und natürlich jeder Menge Literatur. 

Der Perspektivenwechsel von der Kunstgeschichte hinein in die Restaurierung war eines meiner Ziele bei diesem Aufenthalt: Den Restaurator*innen vor Ort wollte ich intensiv über die Schulter schauen, um mehr über ihr alltägliches Aufgabenfeld, ihre Tätigkeiten und auch die materielle und technische Seite von Kunstwerken zu lernen. Schließlich ist gerade das Technische ein Aspekt, der in der deutschsprachigen Kunstgeschichte bisher nur wenig Beachtung findet. Meinen Habitus der kunsthistorischen Objektbetrachtung ablegend versuchte ich also die first sights einer Restauratorin zu imitieren: Bei dem ersten Blick auf ein Objekt achtete ich deshalb auf das Materielle, die künstlerische Technik, den Erhaltungszustand und eventuelle Schäden. Dabei bleibt der first sight nicht nur an der Malschichtoberfläche haften, sondern erstreckt sich auf alle Seiten und über alle Schichten hinweg: Das Objekt wird sozusagen ganzheitlich betrachtet. Für die darauffolgenden second thoughts ist der Grund, aus welchem das Objekt in die Restaurierungswerkstatt gebracht und dort betrachtet wird, entscheidend. Sie unterfüttern die Beobachtungen daher mit den entsprechenden Gedanken und Fragen zum „Was?“. Also: Was lässt sich über den aktuellen Zustand sagen? Welches Schadensbild liegt vor? Und vor allem: Was ist aus konservatorischer und restauratorischer Perspektive für das Objekt zu tun? Es sind Fragen, die schließlich in die third thoughts, in das „Wie?“, münden: Wie ist ausgehend vom Zustand nun konservatorisch oder restauratorisch vorzugehen? Wie sähe die ethisch vertretbarste Umsetzung der Maßnahmen aus? Welche Stoffe können verwendet werden? Müssen Tests gemacht werden, um den idealen Weg der Maßnahmendurchführung zu finden? Im Grunde ist diese Methode die Basis für den regelmäßigen Entscheidungsprozess von Restaurator*innen (Stichwort: decision making). Mir als Neuling boten die musealen Abläufe vor Ort zahlreiche Gelegenheiten die methodische Abfolge einzuüben. Schließlich sind die first sights, second thoughts und third thoughts von Restaurator*innen im musealen Alltag stets vorzunehmen: bei Vor- und Nachbereitungen von Leihverkehr, für neue Ausstellungen und Hängungen im Haus, oder aber an Objekten, die auf Grund ihres Zustands schon länger auf eine Restaurierung warten.

Doch nicht nur der disziplinäre Perspektivenwechsel führte mich in die Abteilung für Kunsttechnologie und Restaurierung, sondern auch meine Dissertation, deren Thema sich vor Ort unter Gleichgesinnten wiederfindet. Aus meiner kunstwissenschaftlichen Perspektive heraus arbeite ich zu Ausstellungen mit kunsttechnologischen Inhalten, also jenen Inhalten, die sich künstlerischen Materialien und Techniken von Objekten verpflichtet haben. Diese Art der Forschung wird in der Regel von Restaurator*innen oder Kunsttechnolog*innen vorgenommen und speist sich aus Untersuchungsmethoden der Archäometrie. Für Untersuchungen kommen dabei Gerätschaften wie diverse Mikroskope, UV-Lampen, Infrarotkameras oder Röntgenfluoreszenzanalyse-Handheld-Geräte u.v.m. zum Einsatz. Fragestellungen zu Material, künstlerischer Technik oder dem Herstellungsprozess von Kunstobjekten werden innerhalb der kunsttechnologischen Forschung über naturwissenschaftliche Untersuchungen und die geisteswissenschaftliche Interpretation daraus resultierender Ergebnisse beantwortet. Nun fügte es sich, dass die – mit Labor und Untersuchungsgerätschaften gut ausgestattete – Abteilung für Kunsttechnologie und Restaurierung am Hause Wallraf derzeit an den Vorbereitungen einer kunsttechnologischen Ausstellung arbeitet. Für mich bot sich also die wunderbare Gelegenheit, mein Dissertationsprojekt, das ich aus der Theorie heraus bearbeite, mit einem Tauchgang in den praktischen Prozess zu bereichern.

Mit einer Sonderausstellung, die im Oktober 2021 eröffnet werden soll, strebt das Museum an, den Bildentstehungsprozess und die Maltechniken vom Mittelalter bis zum Impressionismus an individuellen Bildbeispielen zu thematisieren. Damit soll fundamentales Wissen aus der kunsttechnologischen Forschung vermittelt werden. Die grundlegende Idee der Ausstellung ist gleichzeitig eine große Herausforderung für ihre Planung. Denn die große Zeitspanne umfasst eine immense Vielfalt unterschiedlicher Materialien und Techniken, sowie ein breites Spektrum an Objekten. Zusätzlich wollen bei jedem Kunstwerk auch individuelle Aspekte und Charakteristika vermittelt werden: Details von Bildträgern, Grundierungen, Imprimituren, Farbaufträgen oder Firnissen gilt es zu entdecken. 

Auch hier ertappte ich mich schmunzelnd wieder dabei, den Planungsprozess in meine methodische Abfolge einzuordnen. Denn innerhalb der Vorbereitungen wird jedes Objekt gründlich untersucht: first sights. Bei nur einem Betrachtungsprozess je Objekt bleibt es dabei zugegebenermaßen nicht. Vermutungen müssen bestätigt, verschiedene Betrachtungstools dafür hinzugezogen oder entsprechende Untersuchungen durchgeführt werden.

Links: Untersuchung eines Querschliffs nach Probenentnahme der Malschicht eines Gemäldes unter dem Lichtmikroskop. Dabei können am Querschliff bestimmte Eigenschaften der Gemäldeschichten mit verschiedenen Beleuchtungsarten und Filtern sichtbar gemacht werden. 

Rechts: Infrarotreflektografie dient v.a. zur Sichtbarmachung von Unterzeichnungen. Da bei Aufbau und Durchführung der Untersuchung nicht durch die Linse der Kamera geblickt werden kann, müssen Bildausschnitt und Schärfe immer erst über die sichtbarmachende Software am Laptop eingestellt werden.

Mit den Betrachtungen gehen sogleich die second thoughts einher. Was soll an diesem Objekt inhaltlich für die Ausstellung betont werden? Und umgekehrt: Vermittelt das Objekt den inhaltlichen Aspekt, der damit in der Ausstellung thematisiert werden soll? Antworten auf diese Fragen und Gedanken dazu führen letztlich wieder auf die Ebene der third thoughts: Wie lässt sich dieses kunsttechnologische Wissen ausstellen? Wie können die inhaltlichen Aspekte innerhalb der Ausstellung präsentiert und vermittelt werden? Wie kann man den Besucher*innen einen Überblick geben und gleichzeitig den wahrnehmenden Blick schulen, um auch winzige Details in den Gemälden sehen und differenzieren zu können? Wie gelingt das auch in Hinblick auf Erwartungen und Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen? Es sind wichtige Fragen, die in der Zusammenarbeit von Kuratorin/Restauratorin, wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen, der Kunstvermittlung und des Szenographieteams beantwortet werden müssen.

Wie die Antworten des Ausstellungsteams ausfallen werden, erfahren wir nächstes Jahr im Oktober. Ich für meinen Teil habe viel aus dem interdisziplinären Dialog zwischen Kunstwissenschaft und Kunsttechnologie mit den Restaurator*innen vor Ort in Köln mitgenommen. Neben einem alternativen first sight habe ich auch gelernt, ganz neue Fragen an ein Objekt zu stellen und das, was ich beim Betrachten eines Gemäldes sehe, mit vielen kunsttechnologischen Aspekten und thoughts im Kopf zu hinterfragen. So ergibt sich für mich und meinen kunstwissenschaftlich habitualisierten Blick eine ganzheitlichere Perspektive auf Kunstwerke – ergänzt mit den first sightssecond und third thoughts der Restaurierung. Und auch auf meinem heimischen Schreibtisch finde ich seit meinem Tauchgang in die museale Praxis viele Wassertropfen vor, die meine theoretische Arbeit sukzessive durchtränken…

Fotos © Abteilung Kunsttechnologie und Restaurierung, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud


Verena Wallner arbeitet seit November 2018 an ihrer Dissertation zu Ausstellungen mit kunsttechnologischen Inhalten im Graduiertenkolleg „Rahmenwechsel. Kunstwissenschaft und Kunsttechnologie im Austausch“ an der Universität Konstanz und der Staatlichen Akademie für Bildende Künste Stuttgart (gefördert von der Volkswagen-Stiftung). Sie studierte Kunstwissenschaft, Literatur- und Medienwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache in Konstanz, Italien und Finnland. 

Der Aufenthalt am Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud wurde großzügig von der Dr. August und Annelies Karst Stiftung unterstützt, ein herzlicher Dank an dieser Stelle.

Der Beitrag wurde redaktionell von Klara Wagner, Doktorandin am Kolleg „Wissen | Ausstellen“ betreut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.