Orte ohne Besucher:innen. Erinnerungsorte im Covid-Sommer: Zwei Reiseberichte

von Ramona Bechauf

In meinem Praxisjahr am Jewish Historical Institute in Warschau haben Prof. Stephenie Young vom Center for Holocaust and Genocide Research an der Salem State University und ich begonnen eine Wanderausstellung über das Warschauer Ghetto zu konzipieren. Treblinka soll als Ort, an den Jüdinnen und Juden aus dem Warschauer Ghetto deportiert wurden, in der Ausstellung unter anderem durch Fotografien und Videos repräsentiert werden, die wir zusammen dort aufnehmen wollten. Leider war es dazu nicht gekommen. Aus Sorge vor der Überwältigung durch den Gedenkort hatte ich mich bisher nicht getraut allein nach Treblinka zu fahren. Nun, nach dem siebenwöchigen strikten Lockdown in Polen wollte ich das Wetter ausnutzen und hatte mich auf der Suche nach einem Ziel für meinen Motorrad-Ausflug dazu entschieden die 107 Kilometer über Land nach Treblinka zu fahren und das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.

Gedenkstätte Treblinka

Sommer 2020. Am Wochenende ist das Wetter schön: Warm, aber nicht zu heiß, ein klein wenig Wind und kaum Wolken am Himmel. Nur wenige Fahrzeuge stehen auf dem Parkplatz. Die kleine Holzhütte auf dem Gelände wirkt einsam und verwaist. Vis-à-vis befindet sich ein Banner, das die umliegende Landschaft als Foto zeigt. Dazu außerdem die Information auf Polnisch und Englisch, dass es links zu den Toiletten und rechts zur Ausstellung geht. Ich fühle mich etwas verloren: Bin ich hier richtig? Ist die Gedenkstätte geöffnet? Befindet sich die Ausstellung im Umbau? Der Ort scheint seltsam verlassen. Das Banner mit dem Fotodruck wirkt wie ein Provisorium. In meiner Verunsicherung laufe ich ein paar Schritte am Banner vorbei in Richtung der Ausstellung. Eine Familie steht vor der geöffneten Tür eines einstöckigen Gebäudes, die Ausstellungsfläche der Gedenkstätte. Dort steht ein behelfsmäßig aufgestellter Tisch mit Desinfektionsmittel. Als ich noch einige Schritte darauf zulaufe, erkenne ich, dass die Wiese hinter dem Haus eingezäunt und nur durch ein Tor betretbar ist. Ist das der Weg zur Gedenkstätte? Ich beginne darauf zuzulaufen, überlege es mir dann aber anders. Eine zweite Familie spaziert an mir vorbei und biegt nach links ab. Ich beschließe, ihnen zu folgen. In gewissem Abstand, um sie nicht zu bedrängen. Nach wenigen hundert Metern auf einem Feldweg, der auf der rechten Seite von keilförmigen, etwa 1,80m hohen Monolithen gesäumt ist, bleibe ich erneut verunsichert stehen: Will die Familie überhaupt in dieselbe Richtung wie ich? Ich schwitze unter meiner schweren Lederjacke, die mir hier als Schutz gegen die Insekten dient. In meiner steifen Lederhose scheuern die Knieprotektoren bei jedem Schritt. Als sich der Weg gabelt, entscheide ich mich gegen die von der Familie eingeschlagene Richtung und biege nach rechts ab. Nicht meine Intuition, sondern meine schmerzenden Knie entscheiden. Nach wenigen Metern durch ein kleines Waldstück komme ich auf eine Lichtung.

Lichtung in Treblinka vor dem Mahnmal 
(Foto: Ramona Bechauf, 2020)

Ich bin überwältigt! Die Stille, die Weite, die Leere und das Meer aus Steinen – das Mahnmal und Herzstück der Gedenkstätte Treblinka. Diese Stille, die, wenn man genau hinhört, gar keine ist. Eine Stille, die aus vielen, kleinen Geräuschen besteht, die man außerhalb der Pandemie in den Strömen der Besuchenden sicher überhört hätte: Das laute Zirpen der Grillen im Gras, der Wind, der über die Lichtung fegt, das Rascheln der Blätter, das Summen und Brummen der Insekten, die eigenen Schritte im trockenen Gras oder auf den Pflastersteinen, die dumpfen Stimmen anderer Besucher:innen in der Ferne. Und dazu diese Mischung aus Piniennadeln, Baumharz, sandigem, modrigen Waldboden und trockenem Gras, die in der Luft liegt. Der Geruch, das Wetter, die Summe der kleinen Geräusche, all das birgt das wohlige Gefühl von Sommerferien.

Im Kontrast dazu steht das Wissen darum, sich an einem Ort nationalsozialistischer Massenmorde zu befinden. Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Als ich mich gesammelt habe und auf die Gedenksteine zu laufe, werde ich langsamer und immer unsicherer: Darf ich die Betonplatten überhaupt betreten, um die Inschriften der Steine besser lesen zu können? Darf ich Fotos und Videos machen? Aber es sind keine anderen Besucher:innen da, an denen ich das ‚richtige Verhalten‘ an diesem Ort ablesen könnte. Wie ist mit einem solchen Gedenkort umzugehen? Wie verhält man sich dort ‚angemessen‘? Und was passiert mit der Gedenkstätte, wenn die Tourist:innen ausbleiben?

Feld symbolischer Grabsteine. In einige der Grabsteine sind Namen von Städten eingraviert, aus denen die Menschen nach Treblinka deportiert wurden
(Foto: Ramona Bechauf, 2020)

Wenn einer Gedenkstätte die Kontrollinstanzen fehlen

Während meines Besuchs in Treblinka fuhr eine Gruppe von drei Motorradfahrer:innen mit ihren Maschinen bis vor die Gedenksteine. Aus Satzfetzen ihres Gespräches, die ich erhasche, schließe ich, dass sie sich mit der Holocaust-Erinnerung in Osteuropa auseinandergesetzt hatten und einander von den Besuchen anderer Gedenkstätten erzählten. Unter normalen Umständen wären die drei mit ihren Fahrzeugen zum einen wegen der Tourist:innen-Massen und entsprechender Sicherung des Geländes nicht bis vor die Gedenksteine gekommen. Zum anderen wären die sozialen Konventionen greifbarer und der damit verbundene Druck – sprich: die Verbindlichkeit der Erinnerung und Pietät des Ortes gegenüber – größer gewesen, so dass sie sicher nicht auf die Idee gekommen wären über das grobe Kopfsteinpflaster oder den Schotterweg bis ins Herz der Gedenkstätte zu fahren.

Im Kontext von Gedenkstätten- und Museumsbesuchen, aber auch dem einfachen Bibliotheksbesuch, dienen andere Besucher:innen als eine Art Kontrollinstanz, welche die Einhaltung der sozialen Konventionen gewährleistet. Jan Assmann fasst dies unter dem Punkt “Verbindlichkeit”, der die Werteperspektive, aber auch die formativen, das heißt “edukativen, zivilisierenden und humanisierenden Funktionen” sowie die normativen, das heißt die “handlungsleitenden Funktionen” einbezieht[1]. Dies schließt sowohl den respektvollen Umgang mit dem Gedenkort als solchen ein, aber auch den emotionalen Umgang mit der Situation vor Ort: Darf ich weinen? Wer darf weinen? Die Forscherin? Die Deutsche? Die Christin? Welche anderen Emotionen kann ich zeigen? Und darf ich mich emotional auch zurücknehmen, um sachlich die Struktur- und Stilelemente des Ortes zu analysieren? Ohne die beobachtenden und reglementierenden Blicke anderer Besucher:innen kann ich und muss ich sogar meinen eigenen Umgang mit diesem Ort finden.

Während der Pandemie gibt es auch keine Führungen, die ein Interpretationsangebot geben, keine anderen Besucher:innen, die mir oder sich gegenseitig davon erzählen, was sie gesehen oder gelesen haben. Ich bin auf mich allein gestellt und auf das, was ich gelesen oder an anderen Gedenkorten gesehen und gelernt habe. Ich habe die Freiheit, mich auf den Ort einzulassen und das Mahnmal, seine Symbolik und Formensprache selbst zu deuten.

Oder vom Akteur, im latour’schen Sinne, ausgehend: Ohne die Ablenkung durch andere Besucher:innen kann der Ort durch seine Mahnmäler, deren Formensprache, Symbolik und Texttafeln zu mir sprechen.

Zentraler Gedenkstein und Granitblock mit der Inschrift
„Nie wieder“ in verschiedenen Sprachen
(Foto: Ramona Bechauf, 2020)

Treblinka will erinnern, aufklären, unterrichten, informieren, mahnen. Das Gedenken und Erforschen sind institutionalisiert und professionalisiert worden, seine lange Institutionsgeschichte ist an Hand von Mahnmal-Elementen aus verschiedenen Zeiten ablesbar.

Ruinen des ehemaligen jüdischen Sanatoriums in Otwock

Auch an einem anderen Ort nationalsozialistischer Verbrechen machte ich eine ähnliche Erfahrung. Gemeinsam mit meiner Kollegin und Freundin Rachelle und ihrem Partner Gabe besuchte ich am Tag zuvor die Ruinen des jüdischen Sanatoriums in Otwock, einem ehemaligen Kurort, der wenige Kilometer von Warschau entfernt liegt. Während der Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg führten die Besatzer im jüdischen Sanatorium Morde an Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen im Rahmen des sogenannten Euthanasie-Programms durch. Im Gegensatz zu Treblinka, das ebenfalls ein Ort nationalsozialistischer Massenmorde ist, gibt es am Ort des ehemaligen jüdischen Sanatoriums keine Gedenkstätte, die an die Verbrechen erinnert. Die Ruinen sind frei zugänglich und können auch besucht werden.  

Gebäude, das wir bei der Ankunft in Otwock sehen (Foto: Ramona Bechauf, 2020)

Ich habe ein mulmiges Gefühl, als wir mit unserem kleinen Leih-Fiat auf das Gelände des ehemaligen jüdischen Sanatoriums in Otwock fahren. Das Gelände ist eingezäunt, scheint jedoch kein Privatbesitz zu sein. Wir fahren vorbei an halb zerfallenen Häusern, einige von ihnen sind noch immer bewohnt. Wir halten vor einer großen, herrschaftlich anmutenden Ruine. Ein anderes Auto parkt bereits dort. Die Außenwände des Hauses sind größtenteils noch intakt und mit Graffitis verziert, in den Fenstern befinden sich schon längst keine Scheiben mehr. Aus den Dachfenstern wachsen kleine Bäume. Als wir drei um das Gebäude herumschleichen, treffen wir ein Pärchen, ebenfalls Touristen, nicken und sagen kurz „Cześć.“ – „Hallo.“

Wir wagen uns weiter auf das Gelände vor. Mein mulmiges Gefühl verwandelt sich in eine unbestimmte Angst und eine Art Ekel. Als die Nationalsozialisten das jüdische Sanatorium übernahmen, machten sie es zu einem Ort von Euthanasie-Verbrechen. Hier wurden Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderungen systematisch getötet. Das Wissen um die Geschichte dieses Ortes treibt mir einen Schauer über den Rücken.

Das Hauptgebäude erstreckt sich lang über einige hundert Meter, Türen und Fensterscheiben gibt es auch hier nicht mehr. Als ich hinter meinen Begleitern die Ruine betrete, wird meine Angst greifbar: Wie sicher ist es, die Ruine zu betreten?

Im unteren Geschoss ist es dunkel. Wenn man mit den Füßen Dreck und Schutt zur Seite schiebt kommen schöne, zum Teil unversehrte Bodenfliesen zum Vorschein. Über das inzwischen freiliegende Treppenhaus gehen wir hoch ins nächste Stockwerk. Nur eine der drei Wände steht noch, sie ist mit Graffiti dekoriert. Auf der nun freistehenden Treppe meldet sich meine Höhenangst. Schrittchen für Schrittchen. Und nicht hinuntersehen! Im ersten Stock können wir Putzreste an den Wänden entdecken, darunter liegen Backsteinwände. Bei einem Teil dieses Stockwerks fehlt das Dach. Der Anblick ist bizarr: Der Betonboden ist in der Mitte durch eine Backsteinmauer geteilt, an den Außenseiten wachsen jeweils dichte Bäume und Büsche. Über einen Geröllhaufen und die Reste einer Treppe gelangen wir auf das Dach. Auch hier wachsen inzwischen Bäume und Sträucher, so dass sich meine Höhenangst wieder verflüchtigt, denn es sieht aus wie im Wald, wie im Erdgeschoss. Verkohlte Balken liegen hier herum. Auf dem Weg nach unten entdecken wir auch im ersten Stock verbrannte Holzreste. Wovon stammen sie? Von einem Brand? Aus der Kriegszeit? Von einem Lagerfeuer?

Treppe des ehemaligen Sanatoriums in Otwock
(Foto: Ramona Bechauf, 2020)
Zweiter Stock des Haupthauses des ehemaligen Sanatoriums
(Foto: Ramona Bechauf, 2020)

Als wir am Gebäude entlang zurück laufen, beginnt die Ruine zu uns zu sprechen: An den architektonischen Strukturen erkennen wir plötzlich den ehemaligen Speisesaal und die Küche: Gefliester Boden, gekachelte Wände und ein sich anschließender großer Saal mit bodentiefen Fenstern auf beiden Seiten und drei Beton-Säulen in der Mitte. Auch jetzt noch, wo der Wald sich das Gelände zurückerobert, erkennt man, wie hell und sonnendurchflutet dieser Raum gewesen sein muss.

Haupthaus in Otwock – Speisesaal und architektonische Strukturen (Foto: Ramona Bechauf, 2020)

Andere Strukturen werfen Fragen auf. Fragen nach der Nutzung und nach den Praktiken der Institution. Wir finden zwei oder drei innenliegende, gekachelte Räume. Sie haben jeweils Fenster nach innen, jedoch keine nach außen. Durch einen großen Flur sind diese Räume miteinander verbunden. Alle Fenster gehen auf diesen Flur hinaus. Handelte es sich um Badezimmer mit Durchreiche? Warum so viele? Warum gegenüberliegend?

Am Ende unserer Erkundungs-Tour sind meine Ängste und mein Ekel verflogen. Verwunschen wirkt dieser Ort. Sicherlich hat die tiefstehende Sonne dazu beigetragen, vielleicht auch die Gitarrenmusik und das Gelächter einer Gruppe Jugendlicher in den Tiefen der Ruinen. Der Ort hat die Neugier und der Entdeckerdrang in uns geweckt.

Ein Ort ohne  Erinnerungs-Gemeinschaft?

Otwock war und ist heute noch vor allem für seine besondere Architektur bekannt. Die Holzvillen mit ihrem besonderen Schnitzwerk sind heute leider größtenteils zerfallen. Es gibt rudimentäre Informationen über den Ort Otwock und sein architektonisches Kulturerbe im Internet. Informationstafeln über die Geschichte des Sanatoriums und seine Rolle als Ort der Euthanasie-Morde im Zweiten Weltkrieg durch die nationalsozialistischen Besatzer finden sich vor Ort keine. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass das Gedenken an die Opfer der Euthanasie während des Nationalsozialismus ein lange vernachlässigtes Thema sowohl der Forschung als auch der Erinnerungskultur war.[2]

Insbesondere auf dem Gelände des ehemaligen Sanatoriums wurde deutlich, dass es hier keine Gruppe gibt, die ihre Erinnerung an diesem Ort speichert. Es gibt keinen Träger der Erinnerung, keine Institution oder Gemeinschaft, die ein Gedenken oder gar eine Forschung vorantreibt. Unser Besuch in Otwock machte allerdings deutlich, dass der Ort auch ohne diese Geformtheit und Organisiertheit[3] sprechen kann, jedoch auf eine ganz andere Art und Weise als die Mahn- und Gedenkstätte Treblinka. In Treblinka ist die Stimme des Ortes lauter, die Überlieferung absichtsvoll, bedingt durch seine Organisiertheit und Geformtheit. Auch ohne die Informationstafeln zu lesen kann man die Formensprache und die Symbolik deuten. In Treblinka werden an verschiedenen Teildenkmälern die Etappen der Erinnerungskultur wie beispielsweise die Ausdifferenzierung der Opfergruppen und die Öffnung des Besucher:innenprofils deutlich.

Ohne eine Erinnerungs-Gemeinschaft, welche die Erinnerung organisiert, bzw. professionalisiert und formt, muss ein Ort wie das jüdische Sanatorium in Otwock selbst seine Geschichte erzählen. Seine Stimme ist leise, er spricht durch die Überreste in den Bauspuren und Strukturen seiner Architektur, die wir drei wiedererkennen.

In Otwock verschwinden allmählich die Spuren der ehemaligen Nervenheilanstalt, daneben finden sich verschiedene Schichten von Graffiti in unterschiedlichen Stilen, die unterschiedlich gut erhalten sind und die zum Teil ältere Werke überdecken. Es wird deutlich, dass die Wir-Gruppe, die diesen Ort für sich beansprucht aus Jugendlichen besteht, die sich generationell ablöst. Zwar kommen dann und wann noch Touristen – wie meine beiden Begleiter und ich, oder das junge Pärchen, das zeitgleich das Gelände erkundete – hauptsächlich ist das Gelände nun ein Treffpunkt für Jugendliche geworden. Ein Ort an dem man unbeobachtet sein kann und darf.  Als Wir-Gruppe hat sie einen eigenen Umgang mit dem Ort gefunden und folgt ihrem eigenen Code. Wer sich wo, wie und wann auf den Mauern verewigen, andere crossen, darf, scheint gewissen Regeln – Codes der Graffiti-Szene – zu folgen.

In Otwock wächst inzwischen buchstäblich Gras über die Ruine des jüdischen Sanatoriums und damit auch über diesen Teil seiner Geschichte. Es gibt inzwischen weder eine jüdische Gemeinde in Otwock, die diesen Ort pflegen könnte und seine Geschichte erforschen, noch gibt es eine institutionelle Kontinuität – Otwock hat heute keine Nervenheilanstalt und ist kein Kurort mehr. Es scheint ein Ort des Vergessens geworden zu sein, der noch leise durch seine architektonischen Spuren von seiner Vergangenheit als Sanatorium spricht.

Der Besuch und der Vergleich der beiden Orte ohne Tourist:innenströme und weiterführende Informationen zeigt deutlich, dass die Orte auf die Pflege und Aktualisierung durch eine Erinnerungs-Gemeinschaft angewiesen sind, um als Erinnerungsfiguren wirken zu können. Die Gedenkstätte Treblinka profitiert auch während der Pandemie davon, Teil einer aktiven und immer wieder umkämpften und diskutierten Erinnerungskultur zu sein. Die Denkmal-Ästhetik, die Formensprache der Mahnmäler und Gedenkstätten des Holocaust, wie auch die Geschichte des Holocaust ist nicht nur Teil eines lokalen, kollektiven sondern auch eines europäischen und globalen Gedächtnisses. Somit bleibt der Ort als Gedenkstätte erkennbar und behält seinen Kontext auch ohne seine Besucher:innen. Die Verbindlichkeiten und Interpretationsangebote werden zwar durch das Ausbleiben der Tourist:innen gehemmt, bergen dadurch aber auch die Möglichkeit, sich ganz auf Formenspräche und Ästhetik einzulassen und das Gedenken einmal intrinsisch zu erleben.

Am ehemaligen Sanatorium in Otwock erinnert nichts an seine Vergangenheit. Weder an seine jüdische Vergangenheit als Ort von Forschung, Leben und Heilung, noch an seine Vergangenheit als Ort von Euthanasie-Morden. Damit leidet Otwock sowohl unter der Abwesenheit einer jüdischen Erinnerungsgemeinschaft als auch unter dem Desinteresse an der Aufarbeitung der Euthanasie-Vergangenheit des Ortes. Hier haben neue Generationen eine andere Nutzung gefunden und schreiben dem Ort ihre eigene Geschichte ein.

Der Vergleich zeigt aber auch, dass die Orte bis zu einem gewissen Grad auch in der Lage sind durch ihre Formensprache, Architektur und geographische Lage zu sprechen. Dazu muss man allerdings genau hinhören, um die leisen Stimmen nicht zu überhören und zumindest etwas von ihrer Geschichte kennen.


[1] Jan Assmann: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Jan Assmann/Tonio Hölscher (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis, Frankfurt 1988, S. 14.

[2] Einen Überblick über das Thema und Erinnerungsorte der Euthanasie-Verbrechen finden Sie auf der Seite des T4-Denkmals Berlin: https://www.gedenkort-t4.eu/de (letzter Aufruf: 06.11.2020)

[3] Zu „Geformtheit“ und „Organisiertheit“ von Erinnerungsfiguren siehe Jan Assmann, wie Anm. 1.


Ramona Bechauf ist Doktorandin am Kolleg “Wissen | Ausstellen”. In ihrer Dissertation untersucht sie die Wirkung von ausgewählten Fotografien und ihre Netzwerke in Holocaust abbildenden Ausstellungen in den Ländern Frankreich, Polen und Deutschland.

Der Beitrag wurde redaktionell betreut von Lisa Ludwig, Doktorandin am Kolleg „Wissen | Ausstellen“.

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