Die Umfrage zur Umfrage. Die Diskussion zur neuen ICOM-Museumsdefinition geht in die nächste Runde

von Daniela Döring

Museen im Umbau © Daniela Döring

Der Chat tobt. Die Diskussion ist lebhaft, rasant, freundlich und konstruktiv. Die Angelegenheit ist komplex. Zum zweiten Mal hat ICOM-Deutschland zu einem Mitgliederforum eingeladen, um die wichtigsten Schlüsselbegriffe für die neue Museumsdefinition zu eruieren. Damit reagiert der Verband auf den großen Diskussionsbedarf seiner Mitglieder:innen. Dem digitalen Treffen ging eine Umfrage voraus, die sich wiederum auf eine frühere Umfrage (von Ende 2019) bezog. Ich hatte an beiden Umfragen teilgenommen. Doch nicht nur ich, sondern auch die Mehrheit der anwesenden Teilnehmer:innen, sind von dem Ergebnis und dem weiteren Vorgehen überrascht.

Das Programm ist zunächst außerordentlich spannend. Einführend erläutern Lauran Bonilla-Merchav und Bruno Brulon Soares (beide Vertreter:innen der umbenannten Arbeitsgruppe ICOM Define – formely known as MDPP2*) das neue Verfahren, das in zwölf Schritten zu einem Vorschlag für eine neue Definition führen soll, der dann wiederum auf der ICOM EGA (Extraordinary General Assembly) in Prag im Jahr 2022 zur Abstimmung steht. Anschließend haben drei Vertreterinnen der ICOM Young Professionals – Julia Heimlich, Harriet Meyer und Sandra Richter – das Wort. Sie präsentieren eine Begriffswolke, die nicht nur in drei Bereiche – „Was machen Museen?“, „Wie machen Museen das?“ und „Welche weiterführenden Ziele verfolgen Museen?“ – geclustert ist, sondern auch jene Konzepte enthält, die in der bisherigen Definition fehlen: etwa ein kritischer Umgang mit den Sammlungen, ein demokratisches, nachhaltiges und inklusives Agieren der musealen Institution sowie Ziele wie Veränderung, Partizipation und das Einnehmen von postkolonialen Perspektiven. Die junge Generation Museumsmitarbeiter:innen hat zudem die wichtigsten Begriffe in einem erfrischenden Video versammelt, das in der Debatte neue Akzente setzt.

20 Schlüsselbegriffe für die Museumsdefinition – ICOM Deutschland Young Professionals

Auch in der nun folgenden Paneldiskussion mit Claudia Emmert (Zeppelin Museum Friedrichshafen), Uta Werlich (Museum Fünf Kontinente München), Johannes Vogel (Naturkundemuseum Berlin), Paul Spies (Stadtmuseum Berlin) und Hartwig Lüdtke (Technoseum Mannheim) beziehen sich die Referent:innen äußerst positiv auf die zuvor gemachten Eingaben. Die jeweils von ihnen gewählten zentralen Begriffe knüpfen an die Vorschläge der Young Professionals direkt an. Für die neue Museumsdefinition stellen sie heraus: Multiperspektivität (der Begriff wurde gleich zweimal gewählt), Dialog, Ort des demokratischen Wissens und inklusiv. Spätestens hier zeigt sich ein Bruch zu den Begriffen, über die das heutige Mitgliederforum abstimmen sollte. Denn kein einziger dieser Begriffe taucht in der Wortwolke auf, die aus der Umfrage generiert wurde (siehe Abb.) In Breakout-Rooms sollen nun jedoch die vorgegebenen Begriffe diskutiert und priorisiert werden.

Wolke ergänzter Begriffe, generiert aus der Umfrage von 2021

Die Kleingruppen kommen indessen mehrheitlich zu dem Ergebnis – so belegen die zahlreichen Meldungen im Chat –, dass die Wörter der Begriffswolke unzureichend und vielmehr neue Begriffe nötig seien. Doch die Arbeitsgruppen werden gar nicht befragt, stattdessen geht es weiter „nach Plan“. Die dreistufige Abstimmung wird – unter massivem Protest – vollzogen. Die Moderator:innen bitten um Geduld. Da es keine Möglichkeit der Enthaltung gibt, schreiben mehrere Teilnehmer:innen in den Chat, dass sie sich enthalten, nicht abstimmen oder „raus sind“. Schlussendlich wird noch eine Ad-hoc-Umfrage gestartet, mit der Frage, ob es eine weitere Abstimmungsrunde mit dem Input von heute geben soll: 81% der Teilnehmenden stimmen dafür.

Das Vorgehen zeigt: Hier herrscht Druck! Einerseits müssen bis Mitte April die Schlüsselbegriffe eruiert und an ICOM Define versandt werden. Andererseits ist es mit den bisherigen Mitteln offenbar nicht gelungen, einen Konsens unter den Mitgliedern herzustellen. Es fällt insbesondere auf, wie stark sich in den bisher getätigten Umfragen konservative Werte wie „Erbe“ oder „Bildung“ behaupten, die jedoch in der Diskussion stark problematisiert werden. Auch sind die Begriffsarten derart ungleich, dass der statistischen Generierung und Auswertung zu misstrauen ist. „Vermittelt“ oder „Menschheit“ operieren linguistisch auf unterschiedlichen Ebenen, die in einer möglichen Museumsdefinition also auch verschiedenartig zum Einsatz kommen können. Im Chat zeigt sich etwa ein Votum für den Begriff „Vermittlung“ anstatt der zur Abstimmung stehenden konjugierten Form. Schließlich taucht in der Wolke auch das Wort „mich“ auf, was die Vermutung nahelegt, dass hier eingegebene Begriffe auseinandergerissen wurden.

Die große Herausforderung scheint zu sein, die unterschiedlichen Feedbacks der ICOM-Community Deutschland (Umfragen, Mitgliederforum, Kleingruppenarbeit, Petitionen), die sehr heterogen – und offenbar nicht von gleichem Gewicht – sind, zusammen zu führen. Die Macht der statistisch erhobenen Daten ist hier jedenfalls einmal mehr in die Kritik geraten. So sind die Umfragewerte kritisch zu reflektieren und mit den Stimmen aus den Break-out-Sessions, der Paneldiskussion und den Eingaben der Young Professionals ins Verhältnis zu setzen. Verbunden werden müssen dabei nicht nur verschiedene Arten von Daten, sondern auch zwei Generationen, zwei Denkstile oder gar Wissenskulturen und schließlich: die Definition mit der Vision (siehe dazu auch Döring/Lessing: ›Lieber-so-lassen‹ vs. ›Werdet-endlich-politisch!‹ Ein Streitduell über das Museum und was es sein kann). Auch diese so oft diskutierte Metafrage, ob es sich hier um eine Definition für die Gegenwart oder eine Vision handelt, die sich an die Zukunft richtet, können wir getrost langsam hinter uns lassen. Erstens gibt es keine dauerhafte und universelle Definition und zweitens sind in jeder Definition Werte und Politiken eingelassen. Diese so intensiv zu diskutieren wie heute geschehen, ist ein gutes Zeichen für die Museumslandschaft. Und dass die Debatte so kollegial und konstruktiv verlaufen, zeigt: wir sind eine Runde weiter!


* Die Arbeitsgruppe MDPP 2 (Commitee for Museum Definition, Prospects and Potentials) löste in neuer personeller Besetzung die MDPP ab, die nach dem von 2016 gefassten Beschluss, die Museumsdefinition zu überarbeiten, eingesetzt worden war. Die von ihr vorgelegte Beschlussvorlage einer Neudefinition wurde in Kyoto 2019 vertagt. Zur Chronologie der Überarbeitung der Museumsdefinition siehe https://icom-deutschland.de/de/nachrichten/112-chronologie-ueberarbeitung-der-museumsdefinition.html


Daniela Döring ist Postdoktorandin am Kolleg “Wissen | Ausstellen”. Sie untersucht die Ausstellungsgeschichte wissenschaftlicher Sammlungen.

Der Beitrag wurde redaktionell betreut von Johanna Lessing, Doktorandin am Kolleg “Wissen | Ausstellen”.

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